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„Mensch, wo bist Du?“ Der HVD Bremen und die Bremer Evangelische Kirche Drucken E-Mail
Dienstag, den 17. Februar 2015 um 13:24 Uhr

Knapp 100 Tausend Menschen versammelten sich 2009 unter dem Motto "Mensch, wo bist Du?" zum Evangelischen Kirchentag in Bremen. Während die Bremer Evangelische Kirche (BEK) eine Million Euro zu den Kosten beitrug, wäre die Veranstaltung ohne den Zuschuss des Bremer Senats in Höhe von 7,5 Millionen Euro nicht zustande gekommen. Als ärmstes Bundesland ist Bremen auf die finanzielle Unterstützung anderer Bundesländer angewiesen und praktiziert seit Jahren einen Einstellungsstopp. Die Arbeitslosenzahl in der Freien Hansestadt Bremen ist hoch.

"Mensch, wo bist Du?" ist eine berechtigte Frage, wobei man angesichts dieser Lage doch wohl eher nach dem Gott der Christenheit hätte fragen müssen. Das Bremer Jugendmagazin bremen4u ("…deine Stadt im Netz") erkannte den humanistischen Gehalt des Themas und interviewte unsere langjährige Vorsitzende Ursel Leitzow. Aus aktuellem Anlass dokumentieren wir ihre Antworten auf die Fragen der Reporter von bremen4u.

Der Humanistische Verband vertritt die Interessen von Menschen, die nicht an Gott glauben. Fehlt atheistischen Menschen nicht etwas zu ihrem Glück?
Ich benötige keinen Glauben, um glücklicher durchs Leben zu gehen. Aber ich kenne viele Menschen, die damit glücklicher sind, weil sie Halt und Trost finden in ihrem Glauben.

Was ist der Evangelische Kirchentag für Sie?
Ich denke, der Evangelische Kirchentag ist ein Zusammentreffen von Christen, die sich gemeinsam Gedanken machen wollen um den Zustand der Welt. Der Glaube scheint eher eine untergeordnete Rolle zu spielen. Das Programm des Kirchentags könnte auch den Titel "Wir wollen die Welt verändern" tragen. Das finde ich im Grundsatz gut.

Mit welchem Recht fördert die Stadt Bremen einen evangelischen Kirchentag?
Der Kirchentag in Bremen kostet viel Geld, das wir eigentlich nicht haben. Andererseits bringt die Veranstaltung auch viele Menschen in die Stadt, die sonst nicht zu uns kämen. Das ist sicherlich ein Imagegewinn. Trotzdem wäre das Geld in anderen Bereichen - der Bildung zum Beispiel - besser investiert.

Religiöser Fundamentalismus ist überall auf der Welt im Vormarsch, auch in den christlichen Kirchen. Müssen sich die Religionsgemeinschaften nicht eindeutiger distanzieren?
Ja, eindeutig. Eine fundamentalistische Kirche engt ihre Mitglieder schon stark ein. Sie macht die Menschen unfrei und das geht gegen unsere humanistischen Grundwerte. Die Frage ist, ob man freiwillig Mitglied der Gemeinde wird oder sozusagen unter familiärem Zwang. Wichtig ist, dass man über diese Zustände offen aufklärt und da sehe ich alle Religionsgemeinschaften in der Pflicht. Die meisten Gemeinden in Bremen sind liberal, aber es gibt eben auch einige, die anders ticken. Und die werden auch finanziell unterstützt! Die Zustände in der Martini-Gemeinde, wo Frauen systematisch ausgeschlossen werden, finde ich zum Beispiel untragbar.

Die Religionsgemeinschaften äußern sich verstärkt zu wirtschaftlichen und sozialen Themen. Kann das etwas bringen?
Es kann was bringen, wenn man gehört wird. Und da die Kirchenvertreter in Deutschland traditionell gehört werden, kann das durchaus Beruhigung bringen - in Teilen der Gesellschaft. Die Wirtschaftsvertreter werden sich aber sicherlich nicht an den Worten der Kirche orientieren.

In letzter Zeit scheinen die Religionsgemeinschaften wieder auseinander zu driften. Was könnte Ihrer Meinung nach die Ursache sein?
Ich denke, die normalen Mitglieder in den kleinen Kirchengemeinden leben die Ökumene schon seit langem. Da gibt es keine Berührungsängste. Nur die Funktionäre haben ein Problem damit, denn da geht es um Macht, Geld und Einfluss. Das gilt erst recht für muslimische Gemeinden. Dort gibt es neben liberalen Mitgliedern auch Fundamentalisten, die jeden Kontakt mit Andersgläubigen ablehnen.

Wie weit sollte man seine Weltanschauung öffentlich bekennen, ohne die Gefühle anderer Menschen zu verletzen?
Wir Humanisten werden regelmäßig verletzt und in die böse Ecke gedrängt. Wir sind immer die schlechteren Menschen. Und deshalb haben wir einen aktuellen Vortrag auch mit dem Titel "Sind Christen die besseren Menschen?" versehen. Da wird dann dargelegt, dass dem natürlich nicht so ist. Das ist schon eine kleine Provokation, aber eine harmlose, wenn man sie zum Beispiel mit den Aussagen von Bischoff Mixa und anderen Kirchenvertretern vergleicht.

Wie sähe eine Welt ohne Gott und ohne Religion aus?
Es gäbe keine Religionskriege. Das Problem ist, dass die Weltreligionen alle den Machtanspruch haben, die alleinige Wahrheit zu besitzen. Wenn das aufhören könnte, wäre schon viel erreicht. Aber das wird nicht passieren, denn dieser Glaube an die Eine Wahrheit gehört zum Wesen der Religion.

(Die Frageformulierungen wurden für die vorliegende Ausgabe gekürzt).

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 23. Februar 2015 um 13:02 Uhr