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Praktische Orientierung Drucken E-Mail

Humanistinnen und Humanisten treten für eine humane Gesellschaft ein – verstanden als Prozess fortschreitender menschlicher Selbstbestimmung und sozialer Gerechtigkeit. Sie sind sich dessen bewusst, dass menschliche Lebensverhältnisse immer aufgrund ihrer Komplexität fehleranfällig und aufgrund ihrer Kontingenz an faktisch nicht vollständig kontrollierbare Voraussetzungen gebunden sind. Daher streben sie keine fertige ideale Gesellschaft mit absoluter Vollkommenheit an. Aber die Beseitigung der Umstände, in denen Menschen getötet, gefoltert, geknechtet, unterdrückt, erniedrigt, ausgebeutet und an der Entfaltung ihrer Persönlichkeit gehindert werden, halten sie für erreichbar und gegen jeden Rückfall verteidigenswert.

Die Wissenschaften sind für den Humanismus ein unverzichtbares Hilfsmittel. Sie beruhen auf der methodischen Gewinnung von Erfahrungen, auf der Überprüfbarkeit ihrer Aussagen, sowie der klaren Artikulation ihrer Ungewissheiten und Risiken. Nur eine offene wissenschaftliche Auseinandersetzung ermöglicht auch eine öffentliche kritische Beurteilung ihrer praktischen Konsequenzen. Wissenschaft wird nicht wertfrei und ohne Interesse betrieben und genutzt. Daher müssen die wissenschaftliche Forschung und die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse an öffentlich überprüfbare Kriterien der Zulässigkeit und Verantwortbarkeit gebunden werden. Diese zu institutionalisierende Verantwortung der Wissenschaften

darf andererseits nicht dazu führen, die Gedankenfreiheit oder das Interesse an der Entwicklung von Weltbildern zu beeinträchtigen.

Humanistinnen und Humanisten erleben die Welt in ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit. Sie fragen und forschen nach den Geheimnissen der Welt und des Universums. Als Menschen begreifen sie sich selbst als ein Teil der Natur und der ökologischen Entwicklungsprozesse. Sie übernehmen Verantwortung für den Schutz der Artenvielfalt und für die Bewahrung der gemeinsamen natürlichen Grundlagen allen Lebens und fordern ökologische Verantwortung der menschlichen Gesellschaften ein. Ökonomische Strukturen und ökonomisches Handeln müssen an ökologische Kriterien gebunden werden, damit das gemeinsame Erbe der Menschheit unbeschädigt an die künftigen Generationen weitergegeben werden kann.

Die grundlegende humane Forderung nach gleicher Freiheit aller Menschen erfordert insbesondere, alle gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse aufzudecken und zu überwinden. Humanistinnen und Humanisten arbeiten mit Gefühl, Phantasie und politischen Initiativen auf eine Demokratisierung der Gesellschaft hin – unter dem langfristigen Ziel, alle Formen der Herrschaft von Menschen über andere Menschen durch selbst bestimmte politische Ordnungsformen abzulösen.

Der Einsatz konzentrierter wirtschaftlicher Macht zu Herrschaftszwecken gefährdete schon immer das freie und gerechte Zusammenleben der Menschen. Humanistinnen und Humanisten treten auch angesichts der globalisierten Weltwirtschaft für ein Wirtschaften ein, das nicht primär an den Zielen einer verabsolutierten Profitrate bzw. einer maximalen Quantität von Konsum und Warenbeziehungen orientiert ist. Die wirklich erreichte Lebensqualität aller Menschen und deren Nachhaltigkeit muss zum grundlegenden Kriterium aller wirtschaftspolitischen Entscheidungen werden. Die Würde des Menschen verlangt die Humanisierung der Arbeitswelt und die Demokratisierung der Wirtschaft. Humanistinnen und Humanisten halten eine Reform der Weltwirtschaftsordnung für notwendig, welche die Lebensgrundlagen aller Menschen so verbessert, dass Armut und Hunger überwunden werden.

Humanistinnen und Humanisten erfahren die Vielfalt menschlicher Lebensformen als Bereicherung und tragen dazu bei, dass auch andere dies so verstehen. Deshalb wenden sie sich gegen jede Diskriminierung aufgrund von ethnischer Herkunft, so genannter rassischer Abstammung, der nationalen und sozialen Zugehörigkeit, der Geschlechtsangehörigkeit, des Alters, der sexuellen Orientierung oder aufgrund religiöser Bindungen.

Humanistische Lebensauffassungen verlangen die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Emanzipation von Frauen und Männern in allen Lebensbereichen. Alle Denk- und Verhaltensstrukturen sind zu überwinden, durch die eine gesellschaftliche Herrschaft der Männer über die Frauen aufrechterhalten wird. Die gegenwärtige Benachteiligung der Frauen deformiert beide Geschlechter gleichermaßen. Humanistinnen und Humanisten beginnen deshalb, sich selbst und ihre geschlechtsspezifische Rolle in Partnerschaft, Familie, Beruf und Politik in Frage zu stellen.

Die Erschütterungen der Gesellschaft spiegeln sich auch im Wandel der Beziehungen zwischen den Generationen wider. Vor allem ältere Menschen vereinsamen an ihrem Lebensabend. Dabei können gerade ihre Lebenserfahrungen jüngeren Menschen Einsichten und Handlungsanstöße vermitteln. Umgekehrt wird jüngeren Menschen der Zugang zu gelebten Erfahrungen und Traditionen erschwert, an die sie schöpferisch anknüpfen könnten, anstatt in einer Alltagskultur der beständigen Amnesie in ihrer Lebenspraxis zu verarmen.

Krieg, Produktion von Massenvernichtungsmitteln und Handel mit Kriegsmaterial sind inhuman bzw. immer ein Ergebnis inhumaner Verhältnisse und Verhaltensweisen. Humanistinnen und Humanisten setzen sich weltweit dafür ein, auf allen gesellschaftlichen Ebenen friedliche Konfliktlösungen zu finden. Die Verwirklichung einer menschlichen Gesellschaft setzt eine Politik voraus, die den Frieden sichert. Humanistinnen und Humanisten unterstützen aktiv eine Politik, welche jede Kriegswaffenproduktion beendet, Abrüstung verwirklicht und einen dauerhaften Frieden zwischen den Völkern der Welt schafft. Der Humanistische Verband Deutschlands unterstützt das Recht auf Kriegsdienstverweigerung und fordert zugleich das Recht ein, konfessionsfreie Soldaten in Lebensfragen zu beraten.

Menschen sind keine ausschließlich gesunden und glücklichen Wesen. Leidenserfahrungen, Krisen und existentielle Erschütterungen gehören zu unserem Leben. Sie können auch Chancen humaner Entwicklung sein. Humanistinnen und Humanisten wenden sich dagegen, Leid zu verklären, und treten ein für das Recht auf Leidminderung und auf Hilfe zu einem selbst bestimmten Sterben. Sie verlangen eine wirksame Gesundheitspolitik, die eine umfassende Prävention mit dem Zugang zur bestmöglichen medizinischen Versorgung für alle Menschen verbindet. Dennoch können Menschen mit schmerzhaften, zum Teil unlösbaren Problemen zu leben lernen, ohne in Resignation zu verfallen.

Für Humanistinnen und Humanisten sind Sterben und Tod Bestandteile des Lebens, die weder verdrängt noch idealisiert werden sollten. Der Angst vor Sinnleere und Bedeutungslosigkeit des individuellen Lebens kann durch ein bewusst humanes Leben begegnet werden. Auch verdrängte Ängste und Wünsche können individuell und gemeinschaftlich bearbeitet werden. Das menschliche Leben verliert durch das Sterben nicht seinen Wert.

http://www.lebenskunde.de/selbstverstaendnis